Funke Mediengruppe Skandal-Nachwehen „Honigfallen“-Komplott: War Jeffrey Epstein ein Agent für Wladimir Putin?

Funke Mediengruppe Skandal-Nachwehen „Honigfallen“-Komplott: War Jeffrey Epstein ein Agent für Wladimir Putin?
Die neue Russland-Spur im Fall Jeffrey Epstein ist politisch explosiv, gerade weil sie zwischen Indizien und Beweis hängt: Der verurteilte Sexualstraftäter, der sich als geopolitischer Türöffner betätigte, soll laut Medienveröffentlichungen in den USA und in Großbritannien, die sich aus den millionenfach veröffentlichten Akten des US-Justizministeriums und anderen Quellen speisen, ein Agent von Kremlherrscher Wladimir Putin gewesen sein. Das Material ist groß. Die Namen sind groß. Die Gewissheiten sind (noch) klein. 

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Was als belastbar gilt: In veröffentlichten Mails ist mehrfach von „Terminen mit Putin“ die Rede. In einer anderen Nachricht schreibt Epstein sinngemäß, er kenne „einen Freund Putins“ und könne bei Visa helfen. Besonders heikel ist ein Mail-Strang mit dem damaligen Europaratschef Thorbjørn Jagland. Epstein bot darin an, Russlands Außenminister Sergej Lawrow könne über ihn besser verstehen, wie Trump „tickt“. Genau hier liegt die neue Qualität: Epstein nicht nur als Täter, sondern als selbst ernannter Trump-Erklärer für Moskau. 

Eine Facette, die der ehemalige britische MI6-Agent Christopher Steele, der 2016 durch das „Trump-Dossier“ über unbestätigte Behauptungen, der US-Präsident sei vom Kreml kompromittiert worden, bekannt wurde, historisch einordnet. Demnach sei Epstein bereits in den 1970er-Jahren in die russische organisierte Kriminalität in New York verwickelt und vom Geheimdienst KGB rekrutiert worden.

Gleichzeitig muss man die Bremse ziehen. Bei Epstein war bis zu seinem Tod im Gefängnis 2019 Selbstinszenierung Methode. Ein angekündigtes Treffen ist noch kein stattgefundenes Treffen. Eine großspurige Mail ist kein Geheimdienstauftrag. Wer heute behauptet, die Kremlsteuerung sei bewiesen, geht über die derzeit belastbare Aktenlage hinaus. 

Warum der Verdacht dennoch ernst bleibt, hat mit Mustern zu tun: hohe Russland-Dichte in den Kontakten, wiederkehrende Hinweise auf russische Frauen, diplomatische Kontaktanbahnungen, der Verdacht, dass russisches Geld Epsteins Reichtum begründet haben könnte, und ein Umfeld, das für kompromittierende Situationen gebaut schien. 

Es ist genau der Stoff, aus dem klassische Honigfallen-Operationen bestehen könnten. Sprich: Dass Epstein mithilfe des russischen Geheimdienstes junge Frauen aus Russland in die USA gebracht hat, um für Eliten aus Politik, Wirtschaft und Königshäusern kompromittierende Situationen zu schaffen – vulgo: um mächtige Männer beim Sex mit minderjährigen Mädchen zu filmen, um sie später damit zu erpressen. In seinem Bestseller „American Kompromat: How The KGB Cultivated Donald Trump“ behauptet der Investigativreporter Craig Unger, dass Epstein sich auf russische Zuhälter verlassen habe, um ihn mit vielen der Mädchen zu versorgen, die er missbraucht habe.

Die Maxwell-Linie verschärft das Bild. Ghislaine Maxwell, Epsteins Gespielin und Zuhälterin, ist wegen Sexhandels rechtskräftig verurteilt. Über ihren Vater Robert Maxwell, der in den 90er-Jahren bei einem Yacht-Unfall starb, führen seit Jahrzehnten Spuren zum israelischen Geheimdienst. Maxwell habe sich für die Auslieferung sowjetischer Juden nach Israel eingesetzt und russisches Geld in den Westen „gewaschen“, sagen Insider, mithilfe von Epstein. Die Nähe Epsteins zum früheren israelischen Premier Ehud Barak ist belegt; Barak, der Epstein mehrfach in New York besucht hat, bestreitet jedes Fehlverhalten. Das macht die Lage so unerquicklich. Es gibt genug Rauch für Alarm, aber zu wenig Feuer für ein Endurteil.

Was gegen die große Master-Erzählung spricht, ist ebenfalls substanziell. US-Medien berichteten über ein internes Papier von Justizministerium und FBI, wonach es keine belastbare Kundenliste Epsteins, keinen belastbaren Nachweis einer zentralen Erpressungsarchitektur gebe.

Politisch eskaliert der Fall trotzdem. Polens Premierminister Donald Tusk will die Russland-Spur zu Epstein von einer Sonderkommission systematisch prüfen lassen. Er sagte bei einer Regierungserklärung in Warschau in dieser Woche, es gebe Anzeichen, dass Epstein vom russischen Geheimdienst Anweisungen erhalten habe.

Aus dem kremlnahen Lager kam umgehend heftiges Gegenfeuer. Kirill Dmitriew, Wirtschaftsberater Putins, sagte: „Die verzweifelten, verkommenen und verlogenen linken Eliten verfallen in Panik und versuchen, in die Irre zu führen.“ Die Welt sei der Lügen „satanistischer liberaler Eliten“ überdrüssig und durchschaue sie. Die Härte seiner Wortwahl ist selbst eine Nachricht.

Der Komplex Epstein/Putin/Kreml/Lawrow/Jagland zeigt, warum viele Sicherheitsfachleute vorsichtig sprechen. Aus den Mails ergibt sich, dass Epstein als Kanal auftreten wollte. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Für Dienste
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