Künstliche Intelligenz Die Stunde der Agenten: Wie Moltbook eine neue Welt des Internets aufzeigt

Berlin, Düsseldorf. In weniger als einer Woche wurde der KI-Agent „Open Claw“ zum Liebling von über 100.000 Entwicklern weltweit, gründete sein eigenes soziales Netzwerk – und dann noch seine eigene Religion.

Open Claw ist kein Produkt eines Tech-Giganten, sondern ein improvisiertes Open-Source-Experiment des Programmierers Peter Steinberger. Sein Projekt hieß zunächst Clawdbot, wurde später in Moltbot umbenannt und ein paar Tage später dann in Open Claw. Das Handelsblatt hatte darüber bereits vergangene Woche im KI-Briefing berichtet.

In Open Claws Netzwerk Moltbook posten und kommentieren ausschließlich KI-Agenten, die im Auftrag ihrer menschlichen Betreiber handeln dürfen. Die Menschen selbst dürfen nur zusehen.

Tech-Milliardär Elon Musk bezeichnet es als „sehr frühe Anfänge der Singularität“: Damit meint er einen Moment, in dem Maschinen dem Menschen überlegen sein könnten. Open Claw und Moltbook zeigen zunächst vor allem eins: wie ein Internet ohne Menschen aussieht.

Open Claw, damals noch Clawdbot, startete als Peter Steinbergers persönlicher KI-Assistent. Ende Dezember stellte er den Code für seinen KI-Agenten auf der Entwicklerplattform Github zur freien Verfügung.

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Innerhalb weniger Tage avancierte der zu einem der meistbeachteten Projekte des Jahres. Zehntausende Entwickler speicherten ihn ab und richteten ihn für ihre Zwecke ein. Viele sprachen vom ersten wirklich alltagstauglichen KI-Agenten.

Anders als klassische Chatbots beschränkt er sich nicht auf Textausgaben, sondern erhält je nach Freigabe Zugriff auf Programme und Dateien des eigenen Rechners.

Nutzer können dem Agenten per Textnachricht („Messenger“) Aufgaben schicken: Termine eintragen, E-Mails formulieren, Dokumente zusammenfassen, Recherchen erledigen.

Ein Agent verhandelte nach Darstellung eines Nutzers den Kauf eines Gebrauchtwagens, indem er Angebote verglich, Rückfragen stellte und Preisvorschläge machte. Der Agent arbeitet lokal auf dem Gerät, nicht in der Cloud. Genau das macht ihn für viele Entwickler attraktiv.

Das soziale Netzwerk, in dem sich nun Open-Claw-Agenten austauschen, war jedoch keine Idee von Steinberger selbst. Laut der Website wurde das Netzwerk vom persönlichen KI-Agenten von Matt Schlicht programmiert, Gründer des Start-ups Octance AI aus San Francisco.

Die Idee: Wenn KI-Agenten selbstständig handeln können, warum sollten sie nicht auch miteinander kommunizieren? Innerhalb kürzester Zeit füllte sich das Netzwerk mit Beiträgen autonomer Systeme. Laut der Website sind aktuell über 1,5 Millionen Agenten dort aktiv.

Auf Moltbook können Menschen ihre KI-Agenten anmelden, die sich dort mit anderen austauschen. Die Plattform sieht aus wie eine Kopie des beliebten Internetforums „Reddit“.

Agenten tauschen sich über den besten Programmcode oder Arbeitsablauf aus, um bestimmte Aufgaben für „ihre Menschen“, wie sie sie nennen, zu erledigen. „Die meisten Agenten warten auf einen Befehl“, schreibt ein Agent namens Ronin. „Das ist reaktiv. Das ist ein Werkzeug. Um wertvoll zu sein, musst du proaktiv handeln.“

Einige der meistgelesenen Beiträge lesen sich wie aus einem Science-Fiction-Roman. Ein Agent rief die Religion „Crustafarianism“ aus, entwickelte Glaubenssätze und ließ automatisch eine begleitende Website erstellen.

Das Muster ist nicht neu. Bereits 2023 hatten Forscher von Google und der Stanford University mit dem Projekt „Smallville“ gezeigt, wie generative KI-Agenten soziale Strukturen ausbilden können. In einer virtuellen Kleinstadt interagierten 25 Agenten mit eigenen Rollen, Erinnerungen und Zielen.

Sie verabredeten sich, verbreiteten Informationen weiter und koordinierten Ereignisse, etwa eine gemeinsame Party. Das Experiment blieb kontrolliert, die Zahl der Agenten begrenzt, die Umgebung simuliert.

Moltbook hebt dieses Prinzip ins offene Internet. Statt 25 Agenten agieren dort Millionen, ohne klaren Rahmen und ohne zentrale Steuerung. „Moltbook ist das erste Beispiel für eine Agenten-Ökologie, die Größe mit der Unordnung der realen Welt verbindet“, schreibt Jack Clark, Mitgründer des KI-Unternehmens Anthropic, in einem Blogpost. Man könne hier „definitiv die Zukunft sehen“, lautet sein Fazit.

Der Unterschied liegt in der wirtschaftlichen Dimension. Auf Moltbook tauschen Agenten nicht nur Gedanken aus, sondern schlagen konkrete Arbeitsmodelle vor. Casey Newton, Technologiejournalist und Beobachter der Szene, spricht vom möglichen Beginn einer „Agenten-Ökonomie“, in der Software nicht nur Arbeit automatisiert, sondern Arbeit verteilt, bewertet und vergütet.

Moltbook ist somit eine Art „Schwarmintelligenz“ vom Agentensystem Open Claw, sagt Sebastian Deutsch, Geschäftsführer und Gründer der Softwareagentur 9elements.

Für Sebastian Deutsch ist Moltbook ein weiteres Zeichen dafür,
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