Globale Trends Trump sagt, London sei gefährlich – doch die Fakten widerlegen das

London gehört zu den weltweit am meisten besuchten Städten. Etwa 22 Millionen Besucher kamen im vergangenen Jahr in die britische Hauptstadt, circa 1,6 Millionen aus Deutschland. Der Tourismus steuert etwa zwölf Prozent zur Londoner Wirtschaftsleistung bei und sichert mehr als 700.000 Arbeitsplätze. Mit anderen Worten: London hat einen Ruf zu verlieren.

Deshalb ist es keine Petitesse, wenn US-Präsident Donald Trump bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit London als eine Hochburg von Tagedieben, Messerstechern und noch schlimmeren Kriminellen anprangert.

Als er im vergangenen November von einem Staatsbesuch aus Großbritannien zurückkehrte, sagte Trump, dass die Kriminalität in der britischen Hauptstadt „durch die Decke“ gehe. Selbst die Polizei traue sich nicht mehr in einige Viertel der Neun-Millionen-Metropole. Trumps britischer Gesinnungsfreund, der Rechtspopulist Nigel Farage, sieht die City dem „Zusammenbruch nahe“.

Solch üble Nachrede bleibt nicht ohne Folgen. Diese Woche räumte angeblich der US-Schauspieler Tom Cruise sein 35 Millionen Pfund (etwa 40 Millionen Euro) teures Apartment in London, weil er sich, so wird in sozialen Medien berichtet, in London nicht mehr sicher fühle. Und meine Nachbarin ist mit ihrer Familie nach Dubai „geflüchtet“, weil sie hier Angst um ihre vierjährige Tochter hatte.

In den vergangenen Wochen gab es im Großraum London spektakuläre Raubüberfälle auf Juweliergeschäfte. Im vornehmen Vorort Richmond schlugen die Täter am helllichten Samstagmorgen mit einem Vorschlaghammer die Schaufensterscheibe eines Geschäfts in der Fußgängerzone ein und räumten Goldschmuck und Diamanten aus.

In Knightsbridge überfielen Vermummte mit Macheten eine Filiale des Schweizer Luxuskonzerns Bucherer unweit des weltbekannten Kaufhauses Harrods. Ladendiebstähle und der Handy-Klau auf offener Straße haben so stark zugenommen, dass Innenministerin Shabana Mahmood jetzt mehr Polizisten durch die Stadtviertel schicken will.

Haben Trump und Farage also recht, wenn sie London zur Räuberhöhle erklären, wo einem täglich das Schlimmste droht? Ein Faktencheck zeigt das Gegenteil: London ist unter den Weltmetropolen eine der sichersten.

Die Mordrate von 1,1 pro 100.000 Einwohner ist nicht nur niedriger als in Paris, Toronto oder Berlin. Sie lag 2025 auch auf dem niedrigsten Stand seit 1997. Keine amerikanische Großstadt kann da mithalten. In New York, einer der sichersten Städte in den USA, lag die Mordrate bei 3,6. In Miami in Trumps Wahlheimat Florida ist die Wahrscheinlichkeit, einem Mord zum Opfer zu fallen, fast sechsmal höher als in London.

London ist außerhalb Chinas die Stadt mit den meisten Videoüberwachungskameras weltweit: Insgesamt gibt es davon in der britischen Hauptstadt mehr als 690.000. Die Londoner Polizei setzt bei der Strafverfolgung immer stärker auf Gesichtserkennung durch Künstliche Intelligenz, was bereits den Widerstand von Bürgerrechtlern provoziert hat.

„Einige Kommentatoren verbreiten eine Darstellung, die ihnen in den Kram passt, ungeachtet der Tatsache, dass die Fakten ein ganz anderes Bild zeichnen“, sagte der Londoner Polizeichef Mark Rowley.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan wurde deutlicher: London werde von Trump und Co. angeprangert, weil „wir eine fortschrittliche, liberale und vielfältige Stadt sind, aber auch unglaublich erfolgreich, und deshalb reden diese Leute schlecht über uns“.

Tatsächlich ist London nach New York das zweitgrößte Finanzzentrum der Welt. In London sitzen so viele Tech-Start-ups wie in keiner anderen europäischen Metropole. In der Hauptstadt wird ein Viertel des gesamten Bruttoinlandsprodukts Großbritanniens erwirtschaftet.

Nicht die angeblich steigende Kriminalität gefährdet diesen Erfolg, sondern der zunehmende Standortwettbewerb mit Steueroasen wie Dubai und Singapur, hohe Lebenshaltungskosten und exorbitante Visa-Gebühren, die gerade junge Talente abschrecken oder vertreiben, und eine überforderte Transportinfrastruktur, die mit dem starken Wachstum nicht mehr mithalten kann.

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