Vor Kurzem sagte die Präsidentin Moldaus, Maia Sandu, sie wäre für eine Vereinigung mit Rumänien, wenn sie in einem Referendum darüber abstimmen müsste.
Sprache, Geschichte, nationale Bewegung: Auf den ersten Blick scheint vieles für eine Wiedervereinigung Moldaus mit Rumänien zu sprechen. Nach dem Ende der Sowjetunion lag die Idee ebenso nahe wie einst die Vereinigung von Ost- und Westdeutschland. Doch während Deutschland diesen Weg ging, blieb er im Fall von Rumänien und Moldau Theorie. Warum – das erklärt MDR-Ostbloggerin Mila Corlateanu.
Historisch gesehen ist die Sache klar: Moldau und Rumänien gehören zusammen, teilen dieselbe Sprache und Kultur. Das Gebiet des heutigen Moldaus wurde aber im 19. und 20. Jahrhundert zum Spielball der Weltmächte – weshalb Moldau eine Sowjetrepublik und danach ein unabhängiger Staat wurde.
Unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es intensive Debatten über die Wiedervereinigung mit Rumänien. Doch am Ende kam es nicht dazu. Seitdem wird das Thema immer wieder aufs Tapet gebracht, wenn auch mit weniger Nachdruck.
Neue Dynamik erhielt die Wiedervereinigungsdebatte zuletzt, als Präsidentin Maia Sandu im Januar erklärte, sie würde bei einem Referendum für eine Vereinigung mit Rumänien stimmen. Zugleich machte sie deutlich, dass es sich nicht um ein Regierungsprojekt handelt. Stattdessen verfolgt Sandu weiter einen anderen Kurs: den Weg in die Europäische Union.
Die Zurückhaltung ist angesichts der Stimmung in der Bevölkerung begründet. Umfragen zufolge lehnt inzwischen eine deutliche Mehrheit der Moldauer einen Zusammenschluss mit Rumänien ab (61,5 Prozent, iData, August 2025). Gleichzeitig würden 63 Prozent der Befragten (EU Neighbours east, ebenfalls August 2025) bei einem Referendum für den EU-Beitritt Moldaus stimmen.
Die Politik reagierte auf Sandus Äußerung gespalten. Unionistische Parteien begrüßten sie, andere kritisieren sie dagegen scharf, besonders die Sozialisten und die Kommunisten. Beide Parteien warfen Sandu vor, die Interessen des Landes zu verraten, und sprachen von einem "Angriff auf die moldauische Staatlichkeit". Beobachter sehen dahinter aber weniger sachliche Gründe, als den Versuch, die Debatte weiter zu emotionalisieren, um davon politisch zu profitieren.
Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Alexandr Macuhin trägt auch die ethnische Struktur des Landes zur Polarisierung bei. Nach den Ergebnissen der Volkszählung 2024 bezeichnen sich zwar rund 85 Prozent der Bevölkerung als Moldauer oder Rumänen, daneben gibt es aber auch relativ große ethnische Minderheiten und stark ausgeprägte regionale Identitäten. Die Frage einer Wiedervereinigung mit Rumänien berühre damit den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft selbst.
In der Debatte geht es um grundlegende Identitätsfragen. Das Gebiet des heutigen Moldaus war lange ein Grenzraum mit wechselnder Zugehörigkeit. Im Mittelalter gehörte es zu den Fürstentümern, aus denen später Rumänien hervorging. 1812 fiel das Gebiet, auch Bessarabien genannt, ans Zarenreich. Nach der russischen Revolution schloss es sich 1918 Rumänien an. 1940 wurde es von der Sowjetunion annektiert, kehrte nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR für kurze Zeit wieder nach Rumänien zurück (1941-1944), um dann endgültig zu einer Unionsrepublik zu werden. Diese Brüche prägen das kollektive Gedächtnis bis heute.
Dabei überlagern sich unterschiedliche, teils widersprüchliche Erinnerungserfahrungen. Ein Teil der moldauischen Bevölkerung verbindet Rumänien bis heute mit dem Zweiten Weltkrieg, in dem Rumänien an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands stand und an Verfolgungen, Deportationen und massenhaften Tötungen von Juden beteiligt war. Andere erinnern sich vor allem an die Repressionen der Stalinzeit: an organisierte Deportationen nach Sibirien und Zentralasien, die breite Teile der Gesellschaft trafen, von Intellektuellen bis hin zu Bauern.
Historiker sprechen deshalb von einem "Staat auf der Suche nach einer Nation". Und anders als im Fall der deutschen Wiedervereinigung fehlt in Moldau nicht nur ein klarer innergesellschaftlicher Konsens, dass man zusammengehört, sondern auch ein stabiler sicherheitspolitischer Rahmen für einen solchen Schritt.
Die Ukraine ist für Moldau kein abstrakter Kriegsschauplatz. Die benachbarte südukrainische Region Odessa steht seit Monaten unter massivem russischem Beschuss. Moldaus Hauptstadt Chișinău und Odessa sind nur 150 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Mehrmals kam es zu Verletzungen des moldauischen Luftraums durch russische Drohnen.
Dabei gelten Moldaus Streitkräfte als klein und schwach ausgestattet. Seit der Unabhängigkeit 1991 wurde mit Verweis auf den verfassungsrechtlich verankerten Neutralitätsstatus kaum in militärische Fähigkeiten investiert.
Weiterer Ballast auf dem Weg zur Wiedervereinigung mit Rumänien ist Moldaus abtrünnige, stark russifizierte Region Transnistrie
Sprache, Geschichte, nationale Bewegung: Auf den ersten Blick scheint vieles für eine Wiedervereinigung Moldaus mit Rumänien zu sprechen. Nach dem Ende der Sowjetunion lag die Idee ebenso nahe wie einst die Vereinigung von Ost- und Westdeutschland. Doch während Deutschland diesen Weg ging, blieb er im Fall von Rumänien und Moldau Theorie. Warum – das erklärt MDR-Ostbloggerin Mila Corlateanu.
Historisch gesehen ist die Sache klar: Moldau und Rumänien gehören zusammen, teilen dieselbe Sprache und Kultur. Das Gebiet des heutigen Moldaus wurde aber im 19. und 20. Jahrhundert zum Spielball der Weltmächte – weshalb Moldau eine Sowjetrepublik und danach ein unabhängiger Staat wurde.
Unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es intensive Debatten über die Wiedervereinigung mit Rumänien. Doch am Ende kam es nicht dazu. Seitdem wird das Thema immer wieder aufs Tapet gebracht, wenn auch mit weniger Nachdruck.
Neue Dynamik erhielt die Wiedervereinigungsdebatte zuletzt, als Präsidentin Maia Sandu im Januar erklärte, sie würde bei einem Referendum für eine Vereinigung mit Rumänien stimmen. Zugleich machte sie deutlich, dass es sich nicht um ein Regierungsprojekt handelt. Stattdessen verfolgt Sandu weiter einen anderen Kurs: den Weg in die Europäische Union.
Die Zurückhaltung ist angesichts der Stimmung in der Bevölkerung begründet. Umfragen zufolge lehnt inzwischen eine deutliche Mehrheit der Moldauer einen Zusammenschluss mit Rumänien ab (61,5 Prozent, iData, August 2025). Gleichzeitig würden 63 Prozent der Befragten (EU Neighbours east, ebenfalls August 2025) bei einem Referendum für den EU-Beitritt Moldaus stimmen.
Die Politik reagierte auf Sandus Äußerung gespalten. Unionistische Parteien begrüßten sie, andere kritisieren sie dagegen scharf, besonders die Sozialisten und die Kommunisten. Beide Parteien warfen Sandu vor, die Interessen des Landes zu verraten, und sprachen von einem "Angriff auf die moldauische Staatlichkeit". Beobachter sehen dahinter aber weniger sachliche Gründe, als den Versuch, die Debatte weiter zu emotionalisieren, um davon politisch zu profitieren.
Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Alexandr Macuhin trägt auch die ethnische Struktur des Landes zur Polarisierung bei. Nach den Ergebnissen der Volkszählung 2024 bezeichnen sich zwar rund 85 Prozent der Bevölkerung als Moldauer oder Rumänen, daneben gibt es aber auch relativ große ethnische Minderheiten und stark ausgeprägte regionale Identitäten. Die Frage einer Wiedervereinigung mit Rumänien berühre damit den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft selbst.
In der Debatte geht es um grundlegende Identitätsfragen. Das Gebiet des heutigen Moldaus war lange ein Grenzraum mit wechselnder Zugehörigkeit. Im Mittelalter gehörte es zu den Fürstentümern, aus denen später Rumänien hervorging. 1812 fiel das Gebiet, auch Bessarabien genannt, ans Zarenreich. Nach der russischen Revolution schloss es sich 1918 Rumänien an. 1940 wurde es von der Sowjetunion annektiert, kehrte nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR für kurze Zeit wieder nach Rumänien zurück (1941-1944), um dann endgültig zu einer Unionsrepublik zu werden. Diese Brüche prägen das kollektive Gedächtnis bis heute.
Dabei überlagern sich unterschiedliche, teils widersprüchliche Erinnerungserfahrungen. Ein Teil der moldauischen Bevölkerung verbindet Rumänien bis heute mit dem Zweiten Weltkrieg, in dem Rumänien an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands stand und an Verfolgungen, Deportationen und massenhaften Tötungen von Juden beteiligt war. Andere erinnern sich vor allem an die Repressionen der Stalinzeit: an organisierte Deportationen nach Sibirien und Zentralasien, die breite Teile der Gesellschaft trafen, von Intellektuellen bis hin zu Bauern.
Historiker sprechen deshalb von einem "Staat auf der Suche nach einer Nation". Und anders als im Fall der deutschen Wiedervereinigung fehlt in Moldau nicht nur ein klarer innergesellschaftlicher Konsens, dass man zusammengehört, sondern auch ein stabiler sicherheitspolitischer Rahmen für einen solchen Schritt.
Die Ukraine ist für Moldau kein abstrakter Kriegsschauplatz. Die benachbarte südukrainische Region Odessa steht seit Monaten unter massivem russischem Beschuss. Moldaus Hauptstadt Chișinău und Odessa sind nur 150 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Mehrmals kam es zu Verletzungen des moldauischen Luftraums durch russische Drohnen.
Dabei gelten Moldaus Streitkräfte als klein und schwach ausgestattet. Seit der Unabhängigkeit 1991 wurde mit Verweis auf den verfassungsrechtlich verankerten Neutralitätsstatus kaum in militärische Fähigkeiten investiert.
Weiterer Ballast auf dem Weg zur Wiedervereinigung mit Rumänien ist Moldaus abtrünnige, stark russifizierte Region Transnistrie