Gott und die Welt

Kolumne | Luxemburg · Moses war so auf seine Mission konzentriert, dass seine Familie aus seinem Blickfeld verschwand. Die Tora stellt offen dar, was viele verdrängen: Große Aufgaben haben menschliche Kosten.

Die Offenbarung der Zehn Gebote ist Thema in den Synagogen – und wirft Fragen auf auch für das Zusammenleben in Familie und Gesellschaft.

Anführer zu sein ist eine Berufung, aber es ist auch eine Bürde, besonders wenn man zugleich Ehepartner und Elternteil ist.

In dieser Woche lesen wir in der Synagoge den Abschnitt, der zur Offenbarung der Zehn Gebote führt, und schon die einleitende Szene ist verstörend aktuell: Jitro besucht Moses, seinen Schwiegersohn, gemeinsam mit Zippora und ihren beiden Söhnen. Erst hier erfahren wir, dass Moses‘ Familie beim Auszug aus Ägypten und bei der Teilung des Schilfmeeres nicht dabei war. Wie kann es sein, dass die eigenen Kinder des größten Propheten jene prägenden Momente verpasst haben, die das kollektive Gedächtnis unseres Volkes formen? War das eine Vorsichtsmaßnahme, um sie vor den damit verbundenen Gefahren zu schützen?

Nach einer rabbinischen Meinung kam Jitro sogar erst, nachdem er von der Offenbarung am Sinai gehört hatte, einem Ereignis, das laut Überlieferung die ganze Welt erschütterte. Das würde bedeuten, dass Moses‘ Kinder womöglich auch bei der Gabe der Zehn Gebote nicht anwesend waren.

Der Text deutet an, warum: Moses war so vollkommen auf seine Mission konzentriert, auf Gott, auf das Volk, auf die Geschichte, dass seine Familie aus seinem Blickfeld verschwand. Zippora, die ihm einst das Leben rettete, wurde nach Hause nach Midian zurückgeschickt, nicht aus Geringschätzung, sondern weil Führung totale Präsenz erfordert.

Unsere Tradition zeichnet Zippora dennoch als außergewöhnlich tugendhafte Frau, und gerade das macht die Spannung schmerzhaft. Führung verlangt Hingabe, Familie verlangt Nähe, und beides konkurriert um dieselbe begrenzte Zeit und Aufmerksamkeit.

Die Tora beschönigt diesen Konflikt nicht. Sie stellt ihn offen dar und fragt uns indirekt: Ist ein vollkommenes Gleichgewicht überhaupt möglich? Vielleicht nicht. Aber die Geschichte Moses lehrt uns, dass große Aufgaben nicht von den menschlichen Kosten entbinden und dass wahre Verantwortung auch darin besteht, diese Spannung bewusst wahrzunehmen, statt sie zu verdrängen.

Unser Autor ist Vorsitzender der Liberalen Rabbinervereinigung und leitet die Liberale Jüdische Gemeinde Luxemburgs. Er wechselt sich hier mit der katholischen Theologin Dorothea Sattler, der evangelischen Religionslehrerin Anne Schneider und dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ab.

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