Vor dem Super Bowl

Düsseldorf · Seattles Verteidigung ist wieder elitär und erinnert an das erfolgreiche Team, das einst den Super Bowl gewann – auch wenn sie auf völlig andere Weise Spiele entscheidet. Der letzte Schritt zur Legende fehlt allerdings noch.

DeMarcus Lawrence (M.) jubelt ĂĽber einen Sack gegen die Los Angeles Rams.

Die Seattle Seahawks sind in Deutschland vielleicht das beliebteste NFL-Team, auf jeden Fall sind sie ganz vorne dabei. Große Anteile daran hat sicher die „Legion of Boom“: Die legendäre Defense der Seahawks, die Anfang/Mitte der 2010er-Jahre die Liga dominierte, zwei Super Bowls erreichte und einen gewann.

Richard Sherman ist dabei der Spieler, der wohl am meisten im Gedächtnis geblieben ist. Aber auch Earl Thomas oder Kam Chancellor – auch „Bam Bam Kam“ genannt – gehörten dazu. Die Seahawks setzten damals vor allem auf die Deckung ihrer Secondary um die drei genannten Spieler, die die Pässe der Gegner entweder verteidigten oder harte Tackles austeilten. Kein Wunder, dass einer von nur neun Defensivspielern (von 59 insgesamt), die Super-Bowl-MVP wurden, aus diesem Team stammt: Malcolm Butler 2014.

Ebenso wenig verwunderlich wäre es, wenn auch dieses Jahr wieder ein Seahawks-Verteidiger zum wertvollsten Spieler des Super Bowls ernannt würde. Denn auch die aktuelle Defense ist wieder überragend und könnte gegen die New England Patriots der Schlüssel zum Sieg werden.

Dabei kommt sie ganz anders zum Erfolg als ihre 2014er-Version. Die sei „angetrieben von den Defensive Backs“ gewesen, sagte Ex-Seahawks Quarterback Matt Hasselbeck vor ein paar Wochen in einer Medienrunde. Der Fokus lag eben darauf, die gegnerischen Pässe, die in der Luft sind, zu verteidigen. Heute funktioniert die NFL aber anders und die Seahawks auch: „Diese Defense, die überall gut ist, wird von der Front angeführt.“

Zum Legendenstatus von damals brauche sie laut Hasselbeck nur noch zwei Dinge: „Einen guten Spitznamen und die Lombardi Trophy.“ Ersteres haben sie sich selbst schon verpasst: „The Dark Side“, also „die dunkle Seite“. Angestoßen eben von der Front um die erfahrenen Defensive-Line-Spieler Leonard Williams oder DeMarcus Lawrence. Letzterer erklärte: „Ich versuche, jeder Offensive die Lichter auszuschalten.“ So populär wie die „Legion of Boom“ ist der Name bislang aber nicht, vielleicht wird er es, wenn sie am Sonntag tatsächlich den Titel holt.

Wie von Hasselbeck erwähnt ist der Ansatz der heutigen Defense ein anderer. Sie hat starke Spieler in der Front und zudem durch Head Coach Mike Macdonald ein deutlich moderneres und für den Gegner komplexer auszurechnendes System: Statt der damaligen Cover-3-Defense geht es heute vor allem um „simulated pressures“, also „simulierten Druck“. Das heißt: Es kommen zumeist nur die üblichen vier Spieler, um den Quarterback zu attackieren, allerdings müssen das nicht nur die Defensive Linemen sein wie normalerweise, sondern theoretisch kann Druck aus allen Richtungen kommen.

Macdonald ist ein Genie darin, es dem gegnerischen Quarterback dadurch so schwierig wie möglich zu machen. Jeder kann mal auf Quarterback-Jagd gehen, selbst Star-Cornerback Devon Witherspoon. Wer dann letztendlich wirklich kommt und wer sich zurückfallen lässt, das ist enorm schwierig zu identifizieren. Dadurch hat auch Safety Nick Emmanwori – eigentlich für die Deckung von Wide Receivern zuständig – in der Saison 2,5 Sacks erzielt. Gerade was Emmanwori macht, ist für jeden gegnerischen Quarterback schwierig vorherzusagen.

In vielen Statistiken ähneln sich die Defenses der Seahawks von 2014, zum Beispiel bei zugelassenen Punkten oder Yards. Der größte Unterschied liegt beim Druck auf den Quarterback: Da sind die Seahawks deutlich effizienter geworden. Sie blitzen weniger als damals, und im heutigen Ligavergleich sind sie mit ihrer Blitz-Quote im unteren Drittel, trotzdem generieren sie prozentual mehr Druck und sind damit ligaweit dieses Jahr im oberen Drittel zu finden. Und weil dieser Druck eben vor allem aus diesen „simulated pressures“ ensteht, sind trotzdem sieben Spieler dabei, die gegnerischen Passempfänger zu decken.

„Es gibt Zahlen, die belegen, dass sie bereits besser sind“, meinte auch Hasselbeck im Vergleich der Defenses. Einen Spitznamen hat diese aktuelle Defense auch. Fehlt nur noch der Pokal. Holt sie den am Sonntag, dürfte sie denselben Legendenstatus erhalten wie die „Legion of Boom“.

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